„Ich bin froh, dass ich diese Menschen kennenlernen durfte“

Doris Mühlhahn stellt ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe vor

Der Caritasverband Siegen-Wittgenstein ist in unterschiedlichster Weise in der Flüchtlingshilfe aktiv. Beispielsweise werden geflüchtete Menschen in ihrem Alltag begleitet. Aber auch Projekte für Kinder, Familien, Mütter oder alleinstehende Menschen, wie Begegnungscafés oder Gesprächsgruppen werden angeboten.

Doris Mühlhahn arbeitete ein Jahr in der kommunalen Flüchtlingsunterkunft der Gemeinde Wilnsdorf auf der Eremitage. Sie betreute und begleitete 60 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Doris Mühlhahn begleitet heute noch fünf Flüchtlinge aus der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft ehrenamtlich.

Interviewerin: Wie sind Sie zu dem Ehrenamt gekommen?

Mühlhahn: Nach meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben, hatte ich eigentlich vor, keine Ehrenämter anzunehmen. Ich wollte nicht mehr an Zeiten und Termine gebunden sein. Doch so einfach ist es nicht mit dem „Nichtstun“. Mir fehlte der Kontakt zu den Menschen außerhalb von Familie und Freundeskreis.
Anfang 2015 bot der Caritasverband einen Fortbildungskurs zum Thema „Flüchtlinge“ an. Ich wollte mehr erfahren über die Menschen, die zu uns gekommen sind und habe viele wichtige Informationen und praktische Hinweise bekommen. Der Kurs hat mich infiziert und meine Bereitschaft zur Hilfe für diese Menschen geweckt.
Als ich dann vom Caritasverband gefragt wurde, ob ich mit einer weiteren Kollegin die Betreuung der Flüchtlingsfamilien übernehmen könne, die von der Gemeinde Wilnsdorf in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Klarissenkloster untergebracht werden sollten, habe ich ja gesagt. Während meiner beruflichen Tätigkeit als Leiterin eines Familienzentrums hatte ich täglich mit Familien und Kindern zu tun. Dabei habe ich ein großes Netzwerk aufgebaut, auf das ich zurückgreifen konnte. Aus den Familien wurden dann ja 60 Männer.

Interviewerin: Was fasziniert Sie an Ihrem Ehrenamt?

Mühlhahn: Mich haben immer Menschen interessiert. Im Miteinander etwas tun, Gemeinschaft haben, etwas gestalten und Probleme sehen und sie zu bewältigen. In der Flüchtlingsunterkunft habe ich die Jugendlichen und die Erwachsenen kennen gelernt. Ich habe erlebt, wie Familienväter vor Heimweh nach der Familie verzweifelt waren und geweint haben. Jugendliche, die den Schutz der Familie in der Heimat verlassen haben, um dem Militär zu entgehen. Christen, die vor Verfolgung geflohen sind. Natürlich gab es auch Männer, die vor der Armut geflohen sind, weil sie nicht mehr wussten, was sie am nächsten Tag essen sollten. Diese Männer aus vielen verschiedenen Ländern mit sehr unterschiedlichen Kulturen und Sprachen haben im Kloster recht friedlich miteinander gelebt.
Gemeinsam mit ihnen haben wir Sprachprobleme überwunden, Probleme gelöst, Hilfe zur Selbsthilfe gegeben, Behördengänge und Arztbesuche gemacht, auf die Aufenthaltserlaubnis gewartet und waren Bezugspersonen in einem sonst völlig fremden Land.
Meine anfängliche Frage, werden sie mich als „Frau“ akzeptieren und meinen „Anweisungen“ folgen, war unbegründet: Sie nannten mich respektvoll „Mutter“.

Interviewerin: Können Sie uns eine schöne Begebenheit erzählen?

Mühlhahn: Ein junger Mann war an Leukämie erkrankt. Ich konnte ihn während seiner Krankheit begleiten. Bei einem Arztbesuch lernte ich einen älteren Mann kennen, der selbst vor vielen Jahren aus Tunesien nach Deutschland kam. Er sprach nicht nur sehr gut deutsch sondern auch arabisch. Spontan erklärte er sich bereit, uns in der Flüchtlingsunterkunft zu unterstützen. Als älterer arabischer Mann genoss er eine natürliche Autorität. Die Gespräche mit ihm waren intensiv und sehr vertrauensvoll. Diese Begegnung war nicht nur Zufall, sondern ein Segen für unsere Arbeit.

Interviewerin: Was würden Sie sich wünschen?
Als im Dezember 2016 die Flüchtlingsunterkunft auf der Eremitage geschlossen wurde, waren viele Männer bereits in private Unterkünfte umgezogen. Sehr schön ist, dass es mittlerweile viele Vermieter gibt, die sagen, ich nehme solch eine Familie oder einen jungen Mann auf.
Wenn man nur aus den Medien zum Thema „Flüchtlinge“ informiert wird und nicht über einen Flüchtling, dann wird es schwierig. Wenn ich von einem Menschen höre, einen Namen habe, ein Gesicht dazu, gehört habe, was er erlebt hat, was er durchmachen musste, was er auf sich genommen hat, hier her zu kommen… Man nimmt nicht so viele tausend Kilometer auf sich, weil man denkt „hier bekomme ich Geld“, das wissen sie zu Anfang gar nicht. Die Menschen fliehen vor Krieg und Zerstörung.
Die Menschen sind auch hier in Deutschland einer gewissen Willkür ausgesetzt. Sie gehen mitunter von einer Massenunterkunft in die nächste. Der freie Wille ist sehr beschränkt. Sie müssen lange auf eine Aufenthaltserlaubnis warten. Und trotzdem haben die Männer, die ich kennengelernt habe, versucht, das Beste daraus zu machen und sich hier zurecht zu finden.
Mit der Unterstützung von deutschen Begleitern ist ein Behörden- oder Arztbesuch viel erfolgreicher und effektiver. Mit einem deutschen Fürsprecher ist es auch deutlich leichter, eine Wohnung oder eine Arbeitsstelle zu bekommen. Fast alle Menschen, die ich kennengelernt habe, möchten zurück in ihr Heimatland, wenn dies möglich ist. Sie wollen dort, wo ihre Wurzeln sind, eine Familie gründen.
Ich wünsche mir, dass die Männer sich hier zurecht finden, dass sie sich in unserer Kultur zurecht finden und ihre eigene nicht verlieren. Ihre Religion und ihre Kultur ist das einzige, was sie gerettet haben, ansonsten haben sie alles verloren. Ich wünsche ihnen, dass ihre Träume in Erfüllung gehen, dass sie Menschen finden, die respektvoll mit ihnen umgehen und echte Hilfe anbieten.